Das Geheimnis des Badewaldes
Neue Forschungen zur Eifelgeschichte (IV)
Von Pfarrer Andreas Pohl, Blens





Alle Theorien, die die Odvacka der Kimbern und Teutonen an der Maas suchen, und noch immer das „oppidum“ d. h. die Stadt der Advatuker mit dem „castellum“ Advatuka verwechseln oder nach Tongern, dem „Aduaga Tungrorum“ gehen, lassen die klaren Cäsartexte und die Topographie und Geographie der drei Orte völlig außer acht. Sie kommen für das Suchen nach „Advatuka“ nicht in Betracht. Auch Mommsen, Napoleon und Alex von Löwenstein nicht.

Auch die neue Schreibweise Atuatuka statt Aduatuka führt nicht zur Auffindung des Kastells und des cäsarischen Lagers bei Aduatuka. Die Verwirrung in der Ad-At-Theorie ist heute so groß, daß von vier mir vorliegenden, in den letzten fünf Jahren erschienenen Büchern über die Advatukafrage (darunter Schulausgaben!), drei das At, eines das Ad haben und eines das oppidum mit dem Kastell verwechselt. Eigentlich müßte für die Beweiskraft unserer These: Aduatuka = ad vatucam genügen, was Prof. Schnetz, München, in seiner Zeitschrift „Ortsnamenforschung“ (IX/X, S. 24 ff.) über das Cäsarche Admagetobrigam sagt, wo Ariovist den Gallischen Heerbann vernichtete (Bell. Gall. I 31). Er beruft sich dabei, wie wir, auf den Codex V im Louvre. In dieser Handschrift steht „ad Magetobrigam“, d. h. „bei der Siedlung am großen Berge“. Das genügt vollkommen, um unsere These „Aduatukam“ = „ad vatucam“ = „bei der Gutswache“ zu rechtfertigen. Aduatuka ist eben ein Apellativum genau wie Magetobriga und Gergovia d. h. „Wehrplatz“. C. E. Chr. Schneider verwirft deshalb auch die neuzeitliche, übrigens im 15. Jahrhundert nachweisbare Verbesserung in der Überzeugung, „daß die Überlieferung nicht zu verbessern, sondern zu erklären sei“. Man lasse also den uralten Text des Codex V stehen und verwirren nicht noch mehr die Ad-At-Frage.

Verwunderlich ist dieser Pantarhei d. h. „alles ist in Fluß“ (Heraklit) nicht. Wir brauchen bloß im Blickfeld unseres Aduatuka zu bleiben, um zu sehen, wie viel da noch „fließt“. Die Navalia des Tacitus (Historien) ist nicht der Leck oder die Yssel, sondern unsere Neffel am Fuß der Bade. Die „Schlacht von Körrenzig“ (im 13. Jahrhundert) war weder eine Schlacht, noch bei Körrenzig, sondern bei Wollersheim vor unserer Bade (Dr. Ernsting, Inaug. Diss.). Das „in Badua“ des Cäsarius von Heisterbach war weder Badorf noch Lechenich, sondern unsere Bade, und das „apud Vadam“ des Tacitus (Historien) ist wieder unsere Bade.

In seiner Broschüre „Aduatuka Eburonum = Nideggen“. (Jülich 1943, Verlag J. Fischer), sagt der verdiente Itinerar- und Heimatforscher Reinhold Müller auf Seite 4: „Von allen bisherigen Theorien kommt dieser Ortsbeschreibung nur die Ansicht des Pfarrer A. Pohl, Blens, nahe, die als Aduatuka = den Badua Wald etwa 4 km südlich von Nideggen angenommen hat.“ Auf S. 6-7 gibt er dann eine Namendeutung für Aduatuka = Nideggen und bezeichnet in einer überraschenden Wortableitung Nideggen als Ni-Atuca d. h. „niederer Eck“. Schon Bendermacher (Ann. Niederrhein 21, 129 Anm.) tritt für eine Erklärung als „niederes Eck“ unter vergleichender Bezugnahme auf Nydeck in Bern ein. Prof. R. Müller sagt S. 6, in der hiesigen Mundart heiße „niedrig“ oder „unter“ nicht „nid“, sondern „nier“. Dem steht entgegen in einer Urkunde von 1529 „Neder Moybach“ = Nieder-Maubach bei Nideggen. Die Form der Ortsnamen richtet sich vielfach gar nicht nach der Mundart, sondern nach einer eigenartigen konventionellen Kanzleisprache. Man kommt daher mit der Mundart hier nicht recht zum Ziel. Wenn S. 17 Prof. R. Müller schreibt noch 1342 finde sich die Bezeichnung „catrum et oppidum Nideggen“, so ist dieses „noch“ wohl merkwürdig. Denn dabei handelt es sich doch wohl nicht um die alten Verhältnisse vor rund 1200 Jahren, sondern um das neue Schloß und die neue Stadt Nideggen. Bei der oft beobachteten Kontinuität bezüglich der Siedlungen ist an sich die Annahme gerechtfertigt, daß eine für die Befestigung so vorzügliche Lage, wie Nideggen sie hat, sich hierfür von selbst wieder dargeboten habe. Aber es ist doch merkwürdig, daß man in den nächsten 1200 Jahren nach Cäsar gar nichts mehr von Nideggen liest.

Auf seiner „Tabula der Itinerarstraßen im 4. Jahrhundert“ (Hädeker des Altertums) schreibt Prof. R. Müller: „Statt Aduatuca haben die neuesten textkritischen Cäsarausgaben Atuatuka. Die Ähnlichkeiten von AT mit N führt zur Annahme des Urtextnamens Nuatuca für Nideggen“. Angenommen diese These sei richtig, dann kann man auf der Peutingertafel aus Tolbiacum vico supenorum d. h. „Oberzülpich“ ein Tolbiacum sunucorum machen, d. h. ein Zülpich „im Gau der Sunucer“!

Im Volksmund trägt das ganze Gelände zwischen Berg, Wollersheim, Vlatten und dem Rurtal den Namen „in der Bade“. So ist er auch im Kataster als Flurname eingetragen. Er ist die Odvacka, d. h. die „Gutswache“ der Kimbern und Teutonen in der Eifel 103/102 vor Chr. Cäsar nennt es in seinem Gallischen Krieg (VI 31-33) „Aduatuka, ein Kastell ungefähr in der Mitte des Eburonenlandes“. Sind für diese Annahme heute noch Zeugen und Zeichen vorhanden?

Ja, die Gutswache hatte ihre „Schutzwache“ (Cäsar: „custodia et praesidium“): im Norden Niteka, d. h. Streiteck (=Nideggen), im Westen die Wall- und Grabenbefestigung auf der Hondsley (beschrieben in den Bonner Jahrbüchern), im Süden auf dem Rädelsberg (=Wasserberg) Wälle, Gräben und Trockenmauer, im Westen: Muschling (=Sumpfstelle) mit Wassergräben und Wall (s. Bonner Jahrbücher) und Wattlingsgraben = kleine Furt mit Sitz des „Bürgen“ (Wattilo). Innerhalb dieser Gutswache und Schutzwache liegt das große Grubensystem, die Herdgruben der Kimbern und Teutonen.

Diese Gruben, - 94 sind bis jetzt festgestellt - , sind nach dem mir vorliegenden Gutachten von Vermessungsrat Peetz, der die Zusammenlegung der Grundstücke in der Bade leitete, keine Mirgelgruben, auch keine Brechkaulen für Flachs, auch keine Gruben von Mutungen nach Kohlen, auch keine Gruben zur Gewinnung von Eisensteinen. In einer Grube fanden wir zwei steinerne Spinnwirtel, eine Grube war in den Felsen gehauen. Oft gruppieren sich um eine Wassergrube derartige Gruben, die immer trocken sind. Innerhalb der Bade liegt bei der „Raffelsley“ ein vorgeschichtlicher „Schalenstein“, ganz ähnlich dem in der benachbarten Mausauel von J. Gerhards entdeckten und in den Bonner Jahrbüchern beschriebenen. Ein zweiter liegt auf dem „Weißen Stein“.

Bei der Zusammenlegung in der Bade kamen Steinblöcke mit stilisierten Zweigen (Lebensbaum?) zutage. Auf einem Felsspitz im Hohlbachtal sind zwischen geometrischen Figuren Buchstaben eingelassen, ähnlich den im Val Camonica bei Vercellae (Kimbernschlacht von Trautheim und Baesecke beschriebenen, die auf die Entstehung der Runen durch die Kimbern hinweisen sollen. Zwei Matronensteine wurden bis jetzt in der Bade gefunden, zwei steinzeitliche Fundplätze festgestellt und eine keltische Münze (um 200 v. Chr.) gefunden.

Von besonderem Interesse ist es, daß in der Anteilung für Vor- und Frühgeschichte des am 1. März dieses Jahres wiedereröffneten Leopold-Hoesch-Museums der Stadt Düren sich zwei Matronensteine befinden, die auf das benachbarte Aduatuka hinweisen: ein 1859 bei Gey gefundener Altar der Dea Adbinna, d. h. der „Göttin der Ardennen“ und ein Ende 1951 bei Derichsweiler wieder aufgedeckter Weihestein mit einem bisher unbekannten Beinamen der Matronen. Der Weihende dieses Steines Gajus Caldinius hat den Beinamen „Auvaco“ oder „Avuaco“. Diese zwei Namen und der Beiname Auvaci, Avauci, Avauco kommen auf Aduatukermünzen vor. Gey liegt nach Jul. Caesar in den Ardennen, Derichsweiler und Mariaweiler liegen am Fuße der Ardennen. Candidiu mit dem Beinamen Avauco ist ein Aduatuker. Die Ende 1951 in Mariaweiler gefundene Münze mit einem Sonnenwirbel und kleinen Kreisen ist eine Aduatukermünze!

H. Hoffmann weist in seinen „Sagen des mittleren Rurtales“ auf nordische Göttergestalten hin und auf die uralte Tradition, in der Bade habe eine Stadt „Badua“ gestanden, die in der Zeit der Völkerwanderung zugrunde gegangen sei.

Wo bei der Gutswache (= ad Vatucam) das römische Lager war, müssen die zuständigen Archäologen durch Ausgrabungen feststellen. Die Erklärung des Flurnamens „In der Bade“ als „Ort bei der Furt“ (Dr. Kaspers) braucht hier nicht erörtert zu werden, weil es sich in dieser Abhandlung nur um die Frage handelt: Wo lag nach den alten Handschriften und Texten die Gutswache der Kimbern und Teutonen in der Eifel?





Quelle: Dürener Nachrichten Nr. 122, vom 30. Mai 1952
Sammlung Michael Peter Greven, Nideggen, Sammlung wingarden.de, H. Klein
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