Das Geheimnis des Badewaldes
Abschließender Beitrag zu diesem Thema von Pfarrer Andreas Pohl, Blen - Ueber die Matronenverehrung





Berg vor Nideggen. In einem abschließenden Beitrag zum Thema „Das Geheimnis des Badewaldes“ nimmt Pfarrer Andreas Pohl, Blens, zu den Heiligenverehrungen in der Bade Stellung. Nachdem er sich in der letzten Fortsetzung mit dem sogenannten Steinkult in unserer Heimat beschäftigte, schreibt er:

Bezeichnend für die kultur- und religionsgeschichtliche Seite der Ausgrabungen im Badewald ist auch der Michelskult bei der Bade. Für Wollersheim und die Bade ist er deshalb besonders bedeutungsvoll, weil hier und im benachbarten Floisdorf jahrelang der Sitz des ersten Missionars der Nord-Ost-Eifel, d. h. Willibrord, war. Er wußte, wie alle seine Mitarbeiter, wie zähe gerade die Germanen an ihren Göttern und Bergheiligtümern hingen, wie gerade im Bereiche der Bade, Odin-Wodin-Wotan in Verehrung stand, wie er in der wilden Jagd vom „Odenwinkel“ bei der „Odwacht“ der Kimbern herunterbrauste in die magna convalles Cäsars und über den „Odengarten“ und die Doppelfurt im Tale von Abenden hinweg beim „Odenbach im Odenbläuel“ verschwand. (vergl. Hoffmann „Die Volkssagen des mittleren Rurtales“), inmitten seines „Dreibergheiligtums“. Wenn wir nun noch beachten, welche Rolle die Trinkwasserversorgung und die Grabstätten Wollersheims von den Tagen der Franken und des „Wasserheiligen“ Willibrord, der bei „Quell u. Bade“ mit Vorliebe missionierte, bis vor 30 Jahren gespielt haben, dann verstehen wir, wie alles zusammenwirkte: Wilde Jagd und Wassernot, vorchristliche Kultstätten und Bergheiligtümer, um Willibrord und seine Nachfolger zu veranlassen, gerade hier an die Stelle Odins, des Sturmdämons, der seine fahlen Pferde beim „Krahenberg“ hatte, des Seelen- und Totengottes mit dem Totenherd, der wütenden Schar, dem Wod - daher sein Name Wodan - der den Feuer-, Wasser-, Heil- und Runenzauber ausübt, die lichte Gestalt St. Michaels zu setzen, der nun beim alten Leuchtturm der Vorzeit zum Licht, Toten- und Kampfengel, aber auch zum Heilengel wurde. Durch ihn entsprangen Heilquellen. Das mag schon um das mehrmals erwähnte Jahr 713 begonnen haben! Genau 100 Jahre später, im Jahre 813, wurde durch das Konzil von Mainz der Tag des hl. Michaels auf den 29. September gelegt. Dieses Datum fiel auch in die Zeit des altgermanischen Neujahrs. Das altgermanische Jahr begann nämlich mit der Winterhälfte (siehe Elis. von Schmidt-Pauli „Erzengel Michael und die Germanen“). Wieder etwas mehr als 100 Jahre später, 933, siegte Heinrich der Erste unter Michaels Banner an der Unstrut über die Ungarn und 955 Otto der Große auf dem Lechfelde über dieselben Ungarn. Der Michaelskult stieg noch Jahrhunderte lang zu immer größerer Blüte, so daß es gegen Ende des Mittelalters kaum eine Stadt in Deutschland gab, die nicht eine Michaelskirche oder –Kapelle hatte.

Als die Franken kamen

Der nationale und religiöse Haß der römischen Bevölkerung gegen die germanischen Eroberer kommt im fränkischen Reich nicht auf. Ob infolge des Sieges Chlodwigs über die heidnischen Alemannen bei Zülpich, als das Christentum Staatsreligion wurde, auch die Matronenheiligtümer in und bei der Bade zerstört wurden, läßt sich bei dem Dunkel, welches über die Einwanderung der fränkischen Stämme in die Täler von Rur und Neffel liegt, sowie über die Einführung des Christentums bei der wechselnden keltischen und germanischen Bevölkerung mit Sicherheit nichts entscheiden. Lersch sagt, nur soviel könne mit Wahrscheinlichkeit behauptete werden, daß diese Gräber wegen offenbarer Profanation geweihter Denkmäler nicht der ursprünglich keltischen Bevölkerung, die ja dem Matronenkult eifrig anhing, sondern den eingewanderten ripuarischen Franken zugeschrieben werden müssen. Ob nun die in diesen Gräbern Beigesetzten schon dem Christentum angehörten, welches bekanntlich infolge des Sieges Chlodwigs über die Alemannen in der Schlacht bei Zülpich 496 zur Staatsreligion des Frankenreiches wurde, läßt sich ohne weiteres weder bejahen, noch verneinen. Die Missionare waren jedenfalls bemüht, den Anordnungen Gregor des Großen die althergebrachten Volksbräuche zu schonen, und es ist sicher, daß die Kultstätten selbst nicht der allgemeinen Zerstörung anheim gefallen sind. (G. Rody: Zeichen und Zeugen aus germanischer Vorzeit, 1940) Rody schließt seine bekannte Studie mit der Feststellung, daß „Großzügigkeit“ in der Verbreitung des Glaubens, Weitherzigkeit, Entgegenkommen in der Beurteilung der Meinungen anderer stets Grundzüge der Kirche gewesen sind.“ Hier dürfte die Mahnung angebracht sein, die kleinen Matronenstatuen, die sich immer wieder in der Bade finden, nicht sinnlos zu vernichten, indem man sie zum Ausfüllen tiefer Wegelöcher benutzt. Der Verfasser dieser Abhandlung könnte darüber Merkwürdiges mitteilen. Durch diese sinnlosen Zerstörungen werden die weiteren Forschungen der Bonner Archäologen schwer gestört. Die Frage nach dem Matronenkult steht, kultur- und religionsgeschichtlich gesehen, bei den weiteren Grabungen in der Bade an erster Stelle. Der Matronenkult ist geheimnisvoll, aber nicht unheimlich, sondern mütterlich gütig, echt menschlich und deshalb weit verbreitet gewesen. In Britannien steht ein Matronendenkmal mit der Inschrift „Matres omnium gentium“, d. h. die Mütter aller Völker. Wer verdient diesen Ehrentitel mehr als Christi Mutter? Auch die Großen unseres Volkes haben ihre Größe anerkannt: der größte deutsche Dichter, Goethe, im ersten Teil seines Faust und im zweiten Teile, wo er uns herabsteigen läßt zu den Müttern. Der größte deutsche Bildhauer, Tillmann Riemenschneider, in der Himmelfahrtsmadonna im Creglinder Münster, und der größte deutsche Maler, Albrecht Dürer, in seinen Marienbildern, setzen ihr unvergängliche Denkmäler. Sie bleibt die „Immerwährende Maria“, ihrer eigenen Verheißung gemäß, länger als die „Drei Ewigen“ aller Matronensteine.

Wichtigkeit der Runenzeichen

Die längeren Ausführungen über die in der Bade gefundenen Steinurkunden mit Schalen-, Stein- und Matronenkultresten, waren angebracht. Sie beweisen die vorgeschichtliche Existenz der keltischen Bauernkultur und keltischen Bauernreligion in der Bade. Sie sprechen in ihren Inschriften und Bildern über die Volksstämme, die dort wohnten. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang die in der Bade gefundenen Münzen: die keltische mit der Gottheit auf der Vorderseite und dem Eber, dem Nationalsymbol der Gallier (220 - 100 v. Chr.) und die Münze mit dem Bild Cäsars mit Lorbeerkranz und Priesterbinde auf der Vorderseite und dem Staatsaltar von Lyon auf der Rückseite (um 18 v. Chr. geprägt). Das sind also alles Hinweise auf den damaligen Kaiserkult mit seinen staatspolitischen Zusammenhängen. Von besonders großem Interesse sind aber die Runenzeichen, die neuesten Forschungen von Altheim und Trautmann, die Entstehung der Runen in Verbindung mit dem Kimbernzug nach Italien bringen. Die Streitfrage über den Ursprung der Runen ist dadurch in ein neues Stadium getreten, seitdem der Ursprung der Runen mit dem Kimbernzug im Jahre 102/101 v. Chr. verknüpft wurde. (Altheim und Trautmann 1941 „Zur Ursprungsfrage der Runen“) Das ist das Jahr, in welches der Verfasser der Artikel über „Das Geheimnis des Badewaldes“ bekanntlich das Aduatuca d. h. die „Gutswache“ der Kimbern in die Bade verlegt. Die Kimbern und Teutonen sollen die Runen mit nach Deutschland gebracht haben. Im Vag Cauonica bei Vercellae finden sich Felsbilder und Sinnbilder, durchsetzt mit Buchstaben. Diese Zeichen finden sich auch bei der Bade an dem in einer früheren Fortsetzungen genannten Felspilz und an Steinblöcken.

Mögen die Archäologen im kommenden Jahre auch darauf ihr Interesse richten und die Geheimnisse und Rätsel des Badewaldes lösen.





Quelle: Dürener Lokal-Anzeiger Nr. 288 vom 10. Dezember 1954
Sammlung Michael Peter Greven, Nideggen, Sammlung wingarden.de, H. Klein, Sammlung Marliese Wintz, Kreuzau
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