Neue Forschungen zur Eifel-Geschichte
Sigambrische Reiter überfielen Aduatuca
Von Pfarrer Andreas Pohl, Blens





In diesem letzten Beitrag zur Frage des Kastells Aduatuca beschäftigt sich der Verfasser mit dem Überfall der 2000 sigambrischen Reiter, von dem Cäsar in seinem Buch über den Gallischen Krieg berichtet.

Nach dem Abmarsch der Legionen unter Cäsar, der nur die 14. Legion und den Troß in dem Kastell Aduatuca auf dem Rödelsberg bei Blens zurückließ, trat im Jahre 53 vor Chr. ein Ereignis ein, das den Römern beinahe eine zweite Katastrophe zugefügt hätte: das Reiterstückchen der zweitausend sigambrischen Krieger. Die Schilderung dieser Ereignisse liefert neues Material, die Lage des Kastells Aduatuca näher zu bestimmen.

2000 sigambrische Reiter-, also Leute von der Sieg-, reiten von Osten her durch das Neffeltal und den Baduawald gedeckt, direkt auf die „Porta Decumana“, das Hintertor des römischen Lagers, los. „Nicht einmal die Marketender und Krämer vor dem Tore konnten sich in Sicherheit bringen. Die Wachtkohorte am Hintertor hält mit Mühe stand.“ Was war geschehen?

Cäsar hatte zu Beginn des Feldzuges bekanntgemacht, das Eburonenland sei der Plünderung preisgegeben. „Jeder, der Beute machen wolle, sei den Römern willkommen.“ (Buch VI 35.) Da überschritten jene zweitausend Reiter „auf Nachen und Flößen den Strom 30 Meilen unterhalb der Stelle, wo Cäsar seine zweite Rheinbrücke gebaut und jene Besatzung zurückgelassen hatte“.

„Geborene Krieger und Räuber“

Die Sigamberer kamen von der Sieg her. 30 Meilen unterhalb der zweiten Rheinbrücke ist tatsächlich die Gegend der Siegmündung. Dort ist ohne Zweifel „eburonisches Grenzland“, wie Cäsar sagt. „Nicht Moore noch Wälder - (ohne Zweifel die Niederungen der Erft und der Neffel, sowie die Villa, das Vorgebirge) - halten diese geborenen Krieger und Räuber auf. Die reiche Beute lockt sie immer weiter. Sie machen Gefangene und auf einmal sagt einer von diesen gefangenen Eburonen: „Was quält ihr euch um diese elende, armselige Beute! Ihr könnt ja mit einem Schlage steinreich werden. In drei Stunden könnt ihr in Audatuca sein. Dort hat das römische Heer all seine Reichtümer aufgehäuft, und die Besatzung reicht kaum aus, die Mauer ringsum zu besetzen.“ (Cäsar VI, 35.) Ich bin überzeugt, daß der gefangene Eburone, als er dies bei Kerpen oder Lindlar etwa den Sigamberern sagte, ihnen den Höhenweg von „Badua“ deutlich gezeigt hat, so daß die gesamte Reitermasse immer das Tal der Neffel aufwärts, „in einem Ritte“, wie Cäsar schreibt, durch Neffeltal und Wald versteckt, gleich vor das Hintertor des Lagers kam.

„Der Feind verteilt sich nun um das ganze Lager, um womöglich irgend einen Eingang ausfindig zu machen. Nur mit Mühe und Not behaupten die Unsrigen die Tore. Anderwärts wehrt glücklicherweise die Örtlichkeit selbst und die Lagerbefestigung dem Feind den Zugang.“ Die Worte Cäsars sind geradezu typisch für das Gelände von Aduatuca. Rechts vom Hintertor lagen die Wälle und Steilhänge der Wallburg. „Die Befestigungen verteidigen sich in sich selbst“, sagt Cäsar. Links der „Porta Decumana“ über die „Porta Praetoria“ bis zum Kastell wehrte die regelrechte römische Lagerbefestigung der Murus, d.h. die steinerne Brustwehr des Lagerwalles und der breite Graben, jeden Einbruch. Die sechs wichtigsten von etwa 24 Theorien über das „Aduatuca der Eburonen“ können alle diese genauen Angaben Cäsars nicht aufweisen.

Die zweite Niederlage

Was geschah inzwischen draußen auf den Getreidefeldern hinter der Hügelkette?

Die zum Fouragieren vom Lagerkommandanten Cicero von Aduatuca ausgesandten fünf Kohorten hatten gerade ihre Arbeit auf den Getreidefeldern etwa in der Linie Muldenau-Embken-Juntersdorf-Bürvenich beendet. Da hören sie den Lärm des Angriffs der 2000 sigambrischen Reiter. Sehen konnten sie nichts, denn die „Hügelkette“ versperrte den Blick auf das Lager. Die anmarschierende Reitertruppe der Sigamberer hatten sie ebenfalls nicht sehen können, wie sie durch die Talmulde der Nabalila (Neffel) zog und durch den dort befindlichen Wald gedeckt war. Um aufzuklären, sprengt die zum Schutze der fouragierenden Kohorten mit ausgerückte Reiterei auf die Hügelkette und sieht, daß der Rückzug ins Lager versperrt ist.

Das Drama, das sich nun abspielt, ist kurz: Die altgedienten Legionäre, mit allen Wechselfällen des Krieges vertraut, stürmen mitten durch die Feinde zum Lager vor und erreichen es auch ohne einen Mann Verlust. Troßknechte und Reiter bekommen dadurch Mut und erreichen ebenfalls das schützende Lager. Die fünf Kohorten aber, rund dreitausend Mann, die auf der Höhe geblieben waren, „gerieten bei ihrem Versuche, das Lager zu erreichen, in ungünstiges Gelände“. (Cäsar VI, 40.) Dieses „ungünstige Gelände ist das Gebiet der Neffelquellen, das noch vor rund 150 Jahren ein regelrechtes Sumpfgebiet war. Zwei von diesen Kohorten wurden dort von den sigambrischen Reitern bis auf den letzten Mann niedergemacht.

Cäsar kehrt zurück

Die Römer hatten inzwischen das Lager von Aduatuca wieder regelrecht besetzt. Als die Germanen sahen, daß die Verschanzungen im Verteidigungszustand waren, kehrten sie zu ihrer Beute, die sie in den Wäldern des Vorgebirges versteckt hatten, zurück, und setzten damit über den Rhein. In der folgenden Nacht erschien an der Spitze der römischen Vorhut der Reiteroberst Cajus Volusenus mit der Reiterei vor Aduatuca. Kein Mann der noch immer bestürzten Besatzung wollte ihm glauben, daß Cäsar im Anmarsch sei. Man glaubte, alle Legionen seien vernichtet. Erst als Cäsar selbst ankam, hatte alle Furcht ein Ende. Das war das zweite Mal, daß Cäsar persönlich in Aduatuca war. Das erklärt seine lebendige, bis ins Detail gehende Schilderung des Geländes und aller Begebenheiten um Aduatuca. Hier verschweigt er nichts, hier beschönigt er auch nichts. Darum haben wir die Pflicht frei von allen Rekonstruktionen uns an den Cäsar-Text zu halten und ihn stehen zu lassen.





Quelle: Dürener Nachrichten Nr. 109 vom 11. Mai 1951
Sammlung Michael Peter Greven, Nideggen, Sammlung wingarden.de, H. Klein
©
Copyright