Die Kimbern und Teutonen in der Eifel
A. Pohl, Blens über Düren





(Fortsetzung und Schluß)

Der archäologische Befund:

Vier Befestigungen schützen die Gutswache und zwar

  1. im Norden Niteca-Nideggen, d. h. Streiteck, nicht Neideck. (Nit heißt bis zur Karolingerzeit ebenso oft Streit wie Neid!) Am Fuße von Niteca fand die Eburonenschlacht statt. Das römische Lager und die Gutswache lag aber nicht in Niteca selbst, schon deshalb nicht, weil die Wasserfrage hier nicht zu lösen war.

  2. im Osten: Muschling-Heim des Mutigen (das ist Ambiorix) ca 4 Hektar umfassende Wall- und Grabenbefestigung, mit anschließendem langen Wall, ausgedehnten Steintrümmern und vorgeschichtlichen Anlagen im Sittard.

  3. Im Westen der Gutswache Hodjesberg oder Hondjesley. Befestigung mit Wall und Graben (vergl. Bonner Jahrbücher).

  4. Im Süden: Eigentliches „Kastell“ der Odvacka im Südosthang des Rädelsberges (nicht Rödelsberg) = Wasserberg vom ar, ra, rat. Hier, an den Steilhängen zur Rur wäre, angelehnt an die „custodia“ und das „praesidium“, d. h. die Schutzwache am ehesten das römische Winterlager im Bereich der Bade zu suchen. Hier gilt Cäsars Wort: Buch VI. 32 „Id castelli nomen est“ das ist der Name des Kastells oder der germanische Name für Kastell. Hier sind die „Castra ac spati“, d. h. die „weiten Lagerräume“ der Bade mit dem großen kimbrisch-teutonischen „Grubensystem“. Hier sind nämlich 94 bis jetzt festgestellte mit der hohen Stirnseite nach Norden gerichtete Wohn- oder Herd- oder Vorratsgruben, eine davon mit zwei steinernen Spinnwirteln, eine ins Felsgestein gehauen. Es sind weder Mirgel- noch Flachs- noch Eisengruben, noch Gruben von Mutungen nach Kohle, noch alte Maare noch Steinbrüche, noch die „Keller“ der großen untergegangenen „Stadt Badua“ wie der Volksmund sagt.




Das ganze Grubensystem ist durchschnitten von einem langen gradlinigen Wall, den man als Schutzwall, oder als Grenzwall zwischen den einzelnen Völkerschaften des Kimbernzuges deuten kann. Geschützt war die ganze Westwand der Od-vacke durch die Felswände und Steilhänge zur Rur von Abenden bis Hausen. Von größter Bedeutung für die Gutswache war die Lösung der Wasserfrage. Sie ist sowohl für die Gutswache wie für das römische „Winterlager“ glänzend gelöst, im Osten am „Badeloch“ entspringen die Quellen der Neffel, im Süden am Abhang des „Rädelsberges“ (nicht Rödelsberges) und beim Aichelberg (nicht Eichelberg aich, are, kelt = Wasser) also Berg des fließenden Wassers fließen 4 Bäche zur Rur. Im Westen der Gutswache fließt der „Mühlenbach“ und im Norden der Hohlbach, beide ebenfalls zur Rur.

Von ganz besonderer Bedeutung für die Gutswache aus der Zeit der Kimbern und Teutonen sind die von uns neuentdeckten Felszeichnungen und Schalensteine besonders auffallend am Nordrande der Od-vaka im Hohlbachtal, auf dem „Weißen Stein“ und auf der „Juffernley“. Sie sind ein Beweis für die Landnahme und den Kult eines nordgermanischen Stammes. Die Felszeichnungen bestehen aus geometrischen Figuren, Quadraten und Rechtecken mit 4 und 9 Feldern und dazwischen eingelassenen Buchstaben ähnlichen Zeichen. Sie sind eine seit 2100 Jahren in die Felsen eingelassene steinerne Urkunde für die Gutswache der Kimbern und Teutonen in der Bade. Denn diese geometrischen Felder sind nichts andres als das nordische Zeichen der Landnahme und der Siedlung. (Cäs. bell. gall. 2, 29). Besonders interessant sind die Zeichnungen an dem Schalenstein auf dem „Weißen Stein“ - und dem Iseesberg), Raffelsley am alten Kirchturm von Wollersheim, (dessen Steine aus dem alten Steinbruch in der Bade stammen), auf der Platte bei der Juffernley und an Blöcken mit stilisierten Zweigen (Lebensbaum), die bei den Rodungen „in der Bad“) ans Tageslicht kamen. Diese Felszeichnungen haben eine große Ähnlichkeit mit den Felsbildern und Inschriften im Val Camonica bei Vercellae (vergl. Altheim-Trautmann: Untersuchungen zur Ursprungsforschung der Runen 1941). Die neuesten Forschungen bringen den Ursprung der Runen mit dem Kimbernzug im Jahre 103/101 v. Chr. in Verbindung „wegen der unverkennbaren Verwandtschaft zwischen den norditalienischen Alphabeten und dem Runenfuthark“ - (Altheim). Den Kimbern soll nämlich auf ihrem Zuge nach dem Süden die Anregung zur Schöpfung des runischen Futhark gekommen sein. (C. Banseke nordd. Schrifttum.)

Der folkloristische Befund

in der Bade weist hin auf die Zeit der Völkerwanderung, auf germanische Göttersagen und frühhistorische Ereignisse. H. Hoffmann schildert in seinen „Sagen aus dem Rurgebiet“ (S. 16) die „Stadt Badua“: „Zwischen den Orten Hausen und Berg, Wollersheim und Vlatten dehnt sich ein Wald aus, „die Bad“ genannt. An Stelle des Waldes lag in uralter Zeit die Stadt Badua, von der noch zahlreiche Fundamente und andere Baureste zeugen. Nördlich von dieser Stadt floß ein großer Strom, der Neffelstrom, der jetzt ein kleiner Bach ist. Einst näherte sich fremdes Kriegsvolk in gewaltigen Scharen der Stadt, um sie zu zerstören. Der Feldherr fragte ein des Weges kommendes Bäuerlein, wie breit der Strom sei? Er antwortete: „Er ist weder zum durchreiten noch zu durchfahren.“ Da stand der Feldherr von seinem Plane ab und beschloß, mit seinen Truppen weiterzuziehen. So war die Stadt gerettet.“ (Vergl. dazu Cäs. bell. Gall. 6, 35-41.) „Eines Tages verschwand die Stadt völlig vom Erdboden. Einige sagen sie sei zur Zeit der Völkerwanderung zerstört worden, andere behaupten, sie sei versunken. Diese weisen nämlich auf die vielen Vertiefungen hin, in denen die Gebäude versunken sein sollen.“ Was war das für ein „Feldherr“? Cäsar? Merkwürdig ist auch die Sage vom „Mittagsgespenst“, das zur Sommerzeit an der Stelle, wo Cotta und Sabinus Cäsars Divisionäre, durch das Roistal in die magna convallis, d. h. den großen Talkessel von Abenden hinabgezogen, als eine übergroße Gestalt mit fliegenden, mehrfarbigen, vorwiegend aber gelblichen Gewändern und heftigen zum Kampfe anfeuernden Gebärden einsamen Wanderern erscheint.

Ist es Ambiorix, der große Eburonenkönig, der im Talkessel von Abenden Cäsar die größte Niederlage auf germanischem Boden beibrachte? Hoffmann bringt auch die zwei Sagen von der „geisterhaften Herde“ der „wilden Jagd“ und dem „Roßberg“: „Die geisterhafte Herde war das wilde Heer. Von der „Gräpp“, einer Schlucht oberhalb Abenden, hörte man abends starkes Getöse sich nähern. Eine große Schafherde von Hunden umbellt und von Schäfern mit lautem Ruf angetrieben durchzog blökend das Dorf und verschwand lautlos in der Rur. Ein alter Mann sagte, das war die wilde Jagd.“ Bei der Bad liegt der Roßberg und (oberhalb Blens der „Knochenheuer“. Von beiden Bergen erzählt man, daß dort in der wilden Jagd mit Knochen geworfen werde.“ Am Fuße des Roßberges stand das Carree des Cotta und Sabinus, das dort von Ambiorix bis auf den letzten Mann niedergemacht wurde. Bezeichnend ist, daß diese Sagen nur im mittleren Rurgebiet zwischen Blens und Abenden, also bei der „Bad“ vorkommen. Schon Grimm (Mythologie) hat darauf hingewiesen, daß die meisten Sagen sich ursprünglich auf frühhistorische Ereignisse und Personen beziehen. Das gilt von allen Sagen im Bereiche der Bad. Ob sie nun vom „starken Helmes“ (Wilhelm IV von Jülich) sprechen oder vom „Mittagsgespenst“ oder der „Stadt Badua“ oder vom „Jenseitsturm“ auf Burg Nideggen. Die geradezu gehäuften Flurbezeichnungen in der Bad: Odenwinkel, Odengarten, Odenbach, Odenbeuel, Kaiserloch, Badeloch, Honnertrapp, Honnerstall, Honsley, Weißer Stein und Breitelsberg, Bärbelsmaar und Heinzschesmaar, Lüppeloch, Lüppekaul und Lüppenau, „uff dem Od“ (1544), alle weisen, wie auch alle vor- und frühgeschichtlichen Wege, die sämtlich zur Bade führen: Rurtalrandweg, Konzenerstraße, Eisenstraße, (Abzweigung derselben zehn Minuten von der römischen Militärstraße Köln-Reims), hin auf eine Flur, die vor- und frühgeschichtlich, archäologisch, literarisch und folkloristisch zu den wichtigsten Stätten der ganzen Rurlandschaft und der Nord-Osteifel gehört. Die ganze Topographie der Flur „in der Bad“ bestätigt die Annahme, daß hier die Gutswache der Kimbern und Teutonen ist und daß die Aduatuker die „Gutswächter“ sind und nicht, „die von der Waterkant“ oder „die bei der Furt“. Möge das rheinische Landesmuseum in Bonn bald „in der Bade“ den Spaten ansetzen und den „erdigen Mantel der Geschichte“ lüften.

Die Glocken von Badua

Vor vielen hundert Jahren fand man in der Bad drei Glocken, die von Wildsauen aus dem Boden gewühlt waren. Eine davon hängt in der Kirche zu Wollersheim, eine in Vlatten, eine in Hausen.

Andreas Pohl,

Blens üb. Düren





Quelle: Euskirchener Volksblatt vom 9.9.1950
Sammlung Michael Peter Greven, Nideggen, Sammlung wingarden.de, H. Klein
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