Die Kimbern und Teutonen in der Eifel
A. Pohl, Blens über Düren





In der „Beschreibung von Ober- und Niedergermanien“, herausgegeben von Willibald Pirckheimer und gedruckt in der Offizin von Christoph Plantin in Antwerpen 1585 behandeln die Humanisten Hubertus Thomas von Lüttich, Peter Divaeus von Löwen u. a. die Frage nach dem „castellum Aduatuca“ und weisen S. 81 auf die Schreibweise ad Vatucam in den alten Handschriften hin. Sie glauben dieses Vatuca wiederzufinden in dem Schlosse Varuca bei Lüttich und verlegen den Untergang der Legaten Cotta und Sabinus an den Ort, wo jetzt die Stadt Lüttich steht („eo loco, ubi nunc est urbs Leodium“). Das neuerliche Betonen der Schreibweise Atuatuca kann zur Erklärung sowohl des Namens wie des Ortes kaum etwas beitragen.

Was ist nach diesem Befunde die „Bade“ in vor- und frühgeschichtlicher Zeit nun eigentlich gewesen? Sie ist, wie schon vorhin angedeutet, das cäsarische „Aduatuca“, im Lande der Eburonen gelegen. Cäsarius von Heisterbach nennt es „in Badua“ (vergleiche den folk. Befund). Die französischen und belgischen Aduatucaforscher, u. a. Hubertus Leodius und de Teller, weisen hin auf die alten Handschriften (Pariser Codex V.), die „ad Vatucam“ schreiben, d. h.: „zur Gutswache“. Aus Vatuca ist Badua entstanden und daraus Bade, Bad. So wurde beispielsweise aus Verona Bern und aus Vetere Birten.

Zu der Kontroverse, ob Atuataca oder Aduatuca oder ad Vatucam zu lesen sei, folgendes: Schnetz führt in seiner Zeitschrift für Ortsnamenforschung (Band IX-X S. 24) bei der Erklärung der Cäsarstelle Gallischer Krieg I 31 die Rede des Häduers Divitiacus an, der auf die Schlacht bei Magetobriga, „proelium factum ad Magetobrigam“, hinweist, wo Ariovist den gallischen Heerbann vernichtete und sagt, die alten Handschriften führten auf Magetobriga, aber schon C. E. Chr. Schneider habe mit Recht bemerkt, daß diese entscheidende Schlacht sicherlich nicht in einem unbedeutenden Orte oder Dorfe, sondern in der Nähe dieses Ortes stattgefunden habe. Er verwerfe deshalb auch die neuzeitliche, übrigens bereits im 15. Jahrhundert nachweisbare Verbesserung in der Überzeugung, „daß die Überlieferung nicht zu korrigieren, sondern vielmehr zu erklären sei“. Die Handschrift V habe aber „ad magetrobiam“, d. h.: „bei der Siedlung am großen Berg“. Nach der Bemerkung Schneiders stehe aber fest, daß wir ad davon absondern müssen und in dem ad den Reflex keltischer Sprechweise vor uns haben (are Magetobriga). Schnetz schließ: „Auf jeden Fall lassen sich nach dem Gesagten altkeltische Ortsnamen in dieser Form nachweisen, und das kann für uns nur ein weiterer Grundsatz sein, die Überlieferung bei Cäsar I. 31, 12 zu schonen. Man schreibe also hier ad Magetobriga“. Das genügt vollkommen, um unsere These: Aduatuca ist = Ad vatucam, d. h. „bei der Gutswache“ (der Kimbern und Teutonen) zu rechtfertigen. Wie Ariovist bei der „Siedlung am großen Berg“ die Gallier besiegt hat, so hat Ambiorix in der „magna convallis“, d. i. im großen Talkessel von Abenden, Cotta und Sabinus, die Legaten Cäsars (Cäs. Bell. Gall. Buch V Kap. 21 ff.) besiegt, und zwar bei der „Gutswache“.

Ist die Bade der „Kampfwald“?

Cäsarius von Heisterbach (zw. 1240 und 1250) berichtet 1) nach Ennen „Geschichte der Stadt Köln“ Bd. 2 (1865) S. 88):

„In Badua“ habe 1242 der Entscheidungskampf zwischen den deutschen Gegenkönigen Philipp v. Schwaben und Otto IV. stattgefunden. Dieses „in Badua“ kann nur die „Bade“ sein (siehe 2. Teil). „Bad“ bedeutet Schlacht und Krieg, es kommt in den Zusammensetzungen Baddo, Badila, Batuheim, Baduhilt und Baturad vor. In der Bad haben vom Durchzug der Kimbern und Teutonen (103 v. Chr.) und den Kämpfen Cäsars mit den Aduatucern und Eburonen an, die Chlodwigschlacht (496), die fortwährenden Kämpfe zwischen den deutschen Gegenkönigen und Köln und Jülich in jedem Jahrhundert Kämpfe stattgefunden. Das an der Nordgrenze der Bade gelegene Nideggen (Nitecka) ist nicht das „Neideck“ sondern das „Streiteck“. „Nit“ bedeutet bis zur Karolingerzeit ebenso oft Streit wie Neid. Die Befestigungsanlagen in der Bade, die Münzen- und Hufeisenfunde weisen jedenfalls auf eine Kampfstätte hin. Grimm, Deutsches Wörterbuch, (S. 741 steht: Nied, Niet = eifer, lust. S. 841.: Niet = befestigen, Inwiefern es aber statthaft ist, auf Grund dieser Feststellungen das „in Badua“ als Kampfort zu bezeichnen und „Badouwa“ als Kampfaue, kann ich nicht entscheiden.

Diese zwei Theorien: die Bade ist „Ort am Wasser“ und „Kampfstätte“ sind meiner These: Die Bade ist das Aduatuca im Land der Eburonen nicht entgegengesetzt, sondern stützen sie noch. Auf keinen Fall erklären sie den bisherigen archäologischen Bodenbefund.

Der literarische Befund: Cäsar schreibt (bell. gall. II. 39, daß die Aduatuker Abkömmlinge der Kimbern und Teutonen seien, die vor ihrem Abzuge nach der Provence (Teutonen) und Norditalien (Kimbern allein) alles, was sie an Gepäck nicht mitführen und schleppen konnten, diesseits des Rheins (also auf dem linken Rheinufer!) zurückließen. (Cäsar tat an der selben Stelle das Gleiche, bell. gall. B VI, 32, 3. „Den Troß sämtlicher Legionen legte er nach Aduatuca.“ Als er im Jahre 53 v. Chr. Aduatuca als Lagerplatz für den Großen Troß bestimmte, waren erst 48 Jahre seit der Gutswache der Kimbern und Teutonen an dieser Stelle vorbei) und für diese „Gutswache“ als „Schutz und Bewachung“ (custodiamet präsidium) 6000 Mann aus ihren Scharen bestimmen. Diese 6000 hätten dann „viele Jahre hindurch, bald in Angriffs- bald in „Verteidigungskriegen“ ihre odvacka verteidigt und dann dort gesiedelt, später bis zur Maas hin. So entstand hier die Völkerschaft der Aduatuker, d. h. der „Gutwächter“ (auch Advatricier genannt) und nur so darf man „Aduatuka“ als „Vorort der Aduatuker“ bezeichnen.

Wahrscheinlich ist „oppidum Advatucorum“, d. h. „Stadt der Aduatuker“ (so nennen wir den Ort - im Cäsartext steht nirgendwo diese Bezeichnung - identisch mit unserer Odvacka). Eine „Völkerschaft der Aduatuker“ haben die Kimbern und Teutonen auf ihren Zügen nicht bei sich gehabt. Oberster Grundsatz der Aduatukaforschung muß sein „Weg von der Maas hin zur Rur“ (Cäs. bell. gall. V. Kap. 24, 4 und V Kap. 29, 3 und V, Kap. 38, 1). Sonst wird die historisch und philologisch beinahe ausgelaugte Frage nach dem „castellum Aduatuca“ niemals gelöst.

Plutarch berichtet in seinem „Marius“, daß die Barbaren ihre Scharen in zwei Heere geteilt hätten, daß, durch das Los bestimmt, die Kimbern über den Brennerpaß nach Oberitalien und die Teutonen (an der Riviera entlang) nach Südgallien ziehen sollten. Die hier gemeinte zweite Trennung darf nicht verwechselt werden mit derjenigen, die nach der Schlacht von Arausio (Orange) 105 v. Chr. stattfand, als die Kimbern nach Spanien und die Teutonen ca. vier Jahre kreuz und quer durch Gallien zogen. Diese letzte Trennung fand statt in der Nähe des Rheines, nachdem beide Heerzüge durch Südbelgien die Maas entlang gezogen und bei Lüttich (von Reiner Müller als oppidum der Aduatucer bezeichnet), den alten Handelsweg zum Rhein erreicht hatten. Auf der Linie Lüttich-Neuwieder Becken liegt die Odvacka genau zwischen Maas und Rhein, aber nicht im Neuwieder Becken, sondern am Nord-Ostrande der Eifel und zwar an der Stelle, wo Plinius d. Ä. 50/51 oder 74 n. Chr. auf dem linken Rheinufer große Befestigungsanlagen sah, die Tacitus, Germ. Kap. 37 „Castra ad spatia“, d. h. weite Lagerräume (Hendiadyoin) nennt, wie sie für eine „Gutswache“ für den höchstwahrscheinlich ungeheuren Troß dieser langjährigen germanischen Völkerwanderung unbedingt notwendig waren. Diese „weiten Lagerräume“ sind „in der Bade“ wie der folgende archäologische Bodenbefund nachweist, in klassischer Form vorhanden. (Keine der bisherigen etwa 24 Aduatuka-Theorien kann dieselben vorweisen.)

Cäsarius von Heisterbach (zwischen 1240 und 1250) spricht D 6 C 10 von einer „ganz erschröcklichen Wildnis um Maubach“ herum, was man als einen Hinweis auf den furchtbaren Vernichtungskrieg Cäsars gegen das Gebiet der Eburonen deuten kann, die damals in Aduatuca saßen. „juxtra castrum Molbach in solitudinem satis horrendam“ (cfr. Cäs. b. g. VI Cap. 43).


Die Völkerschaften zwischen Maas und Rhein bei Cäsars Ankunft 55 c. Chr.

In seinem lib. mirac. (= Buch „wunderlicher Begebenheiten“) berichtet derselbe Cäsarius von Heisterbach, im Jahre 1242 habe „in Badua“ der Entscheidungskampf zwischen Wilhelm IV. von Jülich und Konrad von Hochstaden stattgefunden. Dieses „in Bauda“ ist weder Lechenich noch Badorf bei Brühl (vergl. Böhmer, Reg. Imp. Ennen, Gesch. der Stadt Köln, Pertz über eine rhein. Chronik des 13. Jahrhunderts 136), sondern unsere „Bade“, in der übrigens von der Niederlage der Cotta und Sabinus (54 v. Chr.) an, über die Kämpfe zwischen den deutschen Gegenkönigen und Kurköln und Jülich und Brabant bis auf den Heereszug Karls V. Schlachten stattgefunden haben. Zur Zeit des Paulus Jovius (Freund Karls V. (1552) und des Jacobus Polius (3 lb. 44 Vindiciae antiquitatum Marcoduri Seite 245 und 259 der Handschrift) muß noch eine gewisse Tradition bezüglich der Schlacht bei Aduatuca im Dürener Lande gewesen sein, denn Jovius schreibt, daß „oppresso a Dura, = nahe bei Düren, die Kohorten Julius Cäsars unter Sabinus und Cotta zusammengehauen wurden.“ Polius bezieht sich auf diese Stelle und schreibt (um 1634) „haus longe a Dura“, d. h. „nicht weit von Düren“ habe die Eburonenschlacht des Jahres 54 v. Chr. stattgefunden, auf Seite 245 der „Vindiciae“ schreibt er sogar „Marcoduri“, d. h. in Düren! Die zuerst genannten vier antiken Berichte weisen eindeutig auf eine Odvacke, d. h. eine Stelle hin, wo die Scharen der Kimbern und Teutonen in einer durch Erdwallkastelle gesicherten „Gutswache“ zuerst lagern konnten.

(Wird fortgesetzt)

Anm. 1) - die Quellenbelege über „in Badua“ und 2) Pertz, Über eine rhein. Chronik des 13. Jahrhunderts, S. 135 ff. (Abk. D. K. Akademie der Wissenschaften, Berlin und 3) Cäsarius von Heisterbach, herausgegeben von Hieke 1933-37 /Bd. 1 Einl. „Wundergeschichten“ 1937 Publik. Der Ges. f. rhein. Geschichtsfreunde B. XLIII.





Quelle: Euskirchener Volksblatt vom 2.9.1950
Sammlung Michael Peter Greven, Nideggen, Sammlung wingarden.de, H. Klein
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