Der älteste Flurname der Voreifel (103 v. Chr.)
Von Pfarrer A. Pohl, Blens-Eifel





In der Vordereifel gibt es keine Flurbezeichnung, die vor- und frühgeschichtlich, literarisch und folkloristisch interessant und von Geschichte und Sage so umwoben ist wie die „Bade“ oder „die Bad“, oder der „Badewald“. So nennt der Volksmund das ganze Gelände zwischen Nideggen, Berg vor Nideggen, Embken, Wollersheim, Vlatten und dem Rurtal zwischen Hausen und Abenden. Flurnamenforschung, Siedlungsgeschichte und Wehranlagen wirken hier in idealer Weise zusammen um die vielumstrittene Bezeichnung „die Bade“ zu erklären. Es sei hier von vornherein festgestellt, daß es sich in dieser Abhandlung über die „Bade“ zunächst um einen Flurnamen handelt und nicht um einen Fluß- oder Bachnamen (vergl. Förstemann-Jellinghaus I 321 und F. W. Oligschläger, Deutung alter Ortsnamen an Mittel- und Unterrhein), obschon im Osten der Bade im „Badeloch“ die Quellen der Neffel entspringen und im Westen der Flur die vier Bäche des Rädelsberges, d. h. des „Wasserberges“ zur Rur fließen. Die südliche Hälfte des Geländes, in dessen Mitte das Forsthaus „in der Bade“ liegt, heißt im Kataster ausdrücklich „die Bade“. Andere Flurnamen innerhalb der „Bade“ heißen im alten Kataster: Odenwinkel, Langer Winkel, Honnertrapp, Bönnestal, Merzental usw. Die ganze Flur wird von Süden nach Norden durchzogen von der „Eisenstraße“ und auch Römer-Trierer-Pilgerstraße genannt. Dieses ist nach den Gutachten, die ich darüber eingezogen habe, ein uralter Transport für Eisensteine nach den Eisenhütten von Eschweiler, und zwar von Mechernich her über den „hohen Schirm“, die Walbig, die Bad, den Clemensstock, Thuir, Thum, Drove. Sie mündet bei Kreuzau an der Rur in die Ebene. Der Weg hat in der Flur „die Bade“ beim Rädelsberg seine größte Höhe (etwa 360 m). In und bei der Bade wurden bis jetzt 5 steinzeitliche Fundplätze festgestellt. Das ganze Terrain besteht aus lehmigem Sandboden, der sich als Ackerland vorzüglich eignet. Deshalb setzte auch im Jahre 1934 die große Zusammenlegung in der Bad ein. Etwa ein Drittel der Flur, zu den Gemarkungen Berg, Thuir, Embken und Wollersheim gehörig, wurde damals meliorisiert. Links der Rur gibt es, wie ich durch die Forstämter von Gemünd bis nach Maubach feststellen ließ keinen Flur- oder Wassernamen „die Bad“.

Ist die Bade der „Ort am Wasser?“

Nach Förstemann-Jellinghaus I 312 ist Bada ein Flußname. Die Bade, Nebenfluß der thüringischen Saale, heißt so. Nach Jellinghaus bedeutet Bade „Einbettung“, „tiefe Lage“. Nun fließt an der Westgrenze der Bade die Rur, tief eingebettet an die Steilhänge zur Bade. Nach Förstemann II, 5. 1272 könnte in „rura“ eine Zusammenziehung aus Ruvera vorliegen (wie bei der Ruwer). Man denkt dabei an das rote Moorwasser des Hohen Venns, das die Rur in ihren Oberlauf führt. Die rura (erstmalig genannt beim Geographen von Ravenna, 80 n. Chr.) kann ihren Namen auch vom lat. „ruere“ = schnell fließen haben. An der Ostseite der Bade entspringen beim „Badeloch“ die Quellen der Neffel. Diese ist die Nabalia des Tacitus (und nicht die Yssel oder der Leck). Neffel bedeutet „die Herunterfließende“. F. W. Oligschläger, „Deutung alter Ortsnamen an Mittel- und Unterrhein“ weist daraufhin, daß sich eine „in vielen Bach-, Quelle-, Wald- und Ortsnamen als Bestimmungsort vorkommende Bezeichnung“ in einer Gruppe von Namen findet, die sich auf den Boden an Quellen und Bächen und auf die Gewässer selbst zu beziehen scheine. Dahin würden nach Oligschläger auch einige mit B und H anlautende Namen gehören. Es könnten aber in den zusammengesetzten Ortsnamen auch Personennamen versteckt sein. Wo liegt Adagane (772), ein verschwundener Ort im Eifelgau? Oligschläger nennt dann ausdrücklich den Wald „in der Bade“ bei Wollersheim und den Wald Baduhenna des Tacitus. Was bedeutet in diesem Zusammenhang Aduatucer und „Aduatuca“ im Lande der Eburonen? (Cäs. B. g. V 24.)

Das „in Badua“ des Cäsarius von Heisterbach könnte aus Badouwa = Badbach oder Badaue entstanden ein. Was sagt dazu der in der Bade gefundene Matronentorso? (Siehe Abbildung Matrone von Badua.) Victor Demmer (rheinischer Heimatforscher) leitet den Namen der Aduatucer von dem germanischen oder keltischen Stammwort „vatu“ her. Für die Stammsilbe „vatu“ sprechen nämlich die im Jülicher Lande gefundenen Matronensteine; diese waren den Matronen „vatuiae“, d. h. den Beschützerinnen des Wassers, der Flüsse und der Quellen geweiht. „Priminia Justina“ weiht für sich und ihre Angehörigen den Matro (nis) vatuiab (us) nersehenis, d. h. den „Beschützerinnen der Niers“ einen Weihestein. (Güsten bei Jülich.) Ebenso sind zwei in Rödingen bei Jülich und in Lipp an der Erft bei Bedburg lautende Inschriften den „Wassergöttinnen“ geweiht. Ferner finden sich auf 4 Terra sigilatta = Tassen im Bonner Landesmuseum Töpferstempel mit dem Worte „Vato“ (daraus vatus = Wasser). Die „Advatucer“, die auch die Herren an Niers und Erft waren, sind nach Demmer, „die am Wasser Wohnenden“, „die von der Waterkant“. Vergleiche dazu meine These: Aduatuca = Od-Vacka = Gutswache der Kimbern und Teutonen (103 v. Chr.). Bezeichnend ist auch, daß die Seitenwände der im Bereiche der Bade bei Gödersheim gefundenen Matronenaltäre Wasservögel zeigen.

Ist die Bade der „Kampfwald“?

Cäsarius von Heisterbach (zwischen 1240 und 1250) berichtet „in Badua“ habe 1242 der Entscheidungskampf zwischen den deutschen Gegenkönigen Philipp von Schwaben und Otto IV. stattgefunden. Diese „in Badua“ kann nur die „Bade“ sein (siehe zweiten Teil). „Bad“ bedeutet Schlacht und Krieg, es kommt in den Zusammensetzungen von Baddo, Badila, Batuhelm, Baduhilt und Baturad vor. In der Bad haben vom Durchzug der Kimbern und Teutonen (103 v. Chr.) und den Kämpfen Cäsars mit den Aduatucern und Eburonen an, die Chlodwigschlacht (496), die fortwährenden Kämpfen zwischen den deutschen Gegenkönigen und Köln und Jülich in jedem Jahrhundert Kämpfe stattgefunden. Das an der Nordgrenze der Bade gelegene Nideggen (Nitecka) ist nicht das „Neideck“, sondern das „Streiteck“. „Nit“ bedeutet bis zur Karolingerzeit ebenso oft Streit wie Neid. Die Befestigungsanlagen in der Bade, die Münzen und Hufeisenfunde weisen ebenfalls auf eine Kampfstätte hin. Grimm, Deutsches Wörterbuch, (S. 741) steht: Nied, Niet = eifer, lust. S: 841: Niet = befestigen. In wiefern es aber statthaft ist, auf Grund dieser Feststellungen das „in Badua“ als Kampfort zu bezeichnen und „Badouwa“ als Kampfaue, kann ich nicht entscheiden.


(Rückseite) - Die Cäsarmünze aus der Bade - (Vorderseite)

Diese zwei Theorien: die Bad ist „Ort am Wasser“ und „Kampfstätte“ sind meiner These: die Bad ist das Aduatuca im Lande der Eburonen nicht gleichgesetzt, sondern stützen sie noch. Cäs. bell. gall.

Sie können vor allem weder den bisherigen archäologischen noch den literarischen (siehe die zwei Karten) noch den folkloristischen Befund erklären. Es ist selbstverständlich, daß die Archäologen als Beweis für die These Aduatuca = ad Vatucam = in Badua = in der Bade die Entdeckung des cäsarischen Lagers verlangen. Für dessen Ausgrabung ist aber allein die staatliche archäologische Hauptstelle, das Landesmuseum in Bonn, zuständig.


Der in der Bade gefundene Matronentorso


Die Matrone von Badua

Der römische Geschichtsschreiber Tacitus (55 bis 117 n. Chr.) spricht in seinen Annalen B. 4 Cap. 72 ff. von einem Kriegsereignis, das sich im Jahre 28 n. Chr. am Niederrhein ereignet hat, und zwar höchstwahrscheinlich in unserer Bade, Victor Demmer, unser rheinischer Heimatforscher in Euskirchen hat zuerst darauf hingewiesen, daß dieses Ereignis sich in der Bade zugetragen habe. Es handelt sich um den Aufstand der Friesen zur Zeit des Tiberius, in dessen Verlauf mehrere römische Legionen so schwere Verluste erlitten, daß sie sich fluchtartig zurückziehen mußten. Bei dieser Gelegenheit wurden 900 römische Soldaten (!) bei einem Hain „welcher Hain der Baduhenna hieß“ (apud lucum, quem Baduhennae vocant) niedergemacht und eine Gruppe von 400 Mann sich gegenseitig den Tod gab, und zwar bei dem Wohnsitz eines gewissen Kruptorix. Demmer weist mit Recht darauf hin, daß die Überreste der Legionen, ohne ihre im Kampfe Gefallenen bestatten zu können, sich fluchtartig in ihre oberrheinischen Garnisonen zurückgezogen hätten. Diese lagen am Oberrhein, denn Tacitus schreibt, daß der Proprätor von Niedergermanien, L. Apronius, mehrere Abteilungen obergermanischer Legionen und Hilfstruppen den Rhein herab gegen die Friesen geführt habe. Diese Garnisonen waren in Trier, Metz und Straßburg und zu diesen Garnisonen führte der durch Soldaten bestimmt bekannte Weg durch die Eifel über Zülpich (Tolbiacum) nach Trier (Augusta Trevirorum). Da die Schlacht an der Mündung des Rheins stattgefunden habe, würden die Überreste der Legionen bei Maastricht die Maas überschritten haben, um durch die Eifel bei Zülpich die große Straße nach Trier zu erreichen. Nach Demmer haben dann hier die von Tiberius zwangsweise angesiedelten Sigamber auf Rache für die Evakuierung beim oben genannten Hain der Baduhenna die Römer überfallen, wobei 900 Mann fielen und 400 sich in das Landhaus des Kruptorix retteten, sich aber das Leben nahmen. Tacitus erwähne mit keinem Wort, daß dies Ereignis sich unmittelbar nach der Schlacht im Lande der Friesen ereignet habe. Im Gegenteil habe sich der Hain der Göttin Baduhenna und das Landhaus des Kruptorix bei der Bade befunden. - Daß die Göttin Baduhenna die „Stammesgöttin“ der Friesen gewesen sei, ist nicht zu beweisen. Für die Annahme, daß der König Kruptorix, von dem Tacitus ausdrücklich erwähnt, daß er als Söldner im römischen Heere gedient habe, ein Nachkomme des Eburonenkönigs Ambiorix war, liegen gewichtige Gründe vor. Der Königssitz des Ambiorix muß nach dem Cäsartext (Bell. gall. Buch VI Cap. 30) bei der Bade auf den nordöstlichen Ausläufern der Eifel gelegen haben.





Quelle: Euskirchener Volksblatt vom 14.10.1950
Sammlung Michael Peter Greven, Nideggen, Sammlung wingarden.de, H. Klein
©
Copyright